“Richtiges” Denken trainieren

“Richtiges” Denken trainieren

15. April 2019 2 Von Boris Biba

Ein mir bekannter Sportwissenschaftler hat neulich in seinem Blog etwas über Krafttraining geschrieben. Genauer gesagt ging es darum, dass unser Nervensystem in der Regel versucht uns vor schlechten Bewegungsmustern zu warnen und verhindert, dass wir unsere volle Kraft in schlechte Bewegung stecken.

„Leider schaffen wir es immer wieder unser System zu umgehen, indem wir beispielsweise Schmerztabletten einwerfen, statt auf unser Warnsystem (Schmerz!) zu hören und eine Belastung oder Bewegung zu reduzieren und zu korrigieren. Damit umgehen wir nicht nur unseren körpereigenen Schutz, sondern fügen uns am Ende vielleicht noch weitere Probleme hinzu. Auch wenn wir uns in Positionen oder zu Bewegungen zwingen, die wir nicht beherrschen, entsteht diese Situation.“

http://rian-sports.de/krafttraining-ein-kleiner-einblick/

Dieser Absatz hat mich auf die Idee zu diesem Artikel gebracht. Denn beim Denken ist es ganz ähnlich wie bei der Bewegung. Menschen machen es sich gerne leicht. Wenn wir ein Bewegungsmuster finden, mit dem wir eine Tätigkeit ausüben können, dann wiederholen wir dieses Muster. Egal ob das nun die beste oder sinnvollste Bewegung ist, es reicht uns meistens, wenn es die erste ist. Übertragen auf geistige Bewegung bedeutet das, dass wir uns eine Denkweise aneignen die für die jeweilige Situation funktioniert. Dabei achten wir ebenfalls meist nicht darauf, ob es nun die sinnvollste oder cleverste Denkweise ist. So lange sie funktioniert denken wir auf diese Art.

Vielleicht legen wir uns Prinzipien zurecht, an die wir uns bei unserem Denken halten. Vielleicht Werte oder Regeln. Anfangs-, Mittel- und Endschritte mit denen wir unser Denken strukturieren und Probleme angehen.

Anders als bei körperlichen Bewegungen verursacht falsches Denken (in den meisten Fällen) keine Schmerzen. Wir können jahrelang in einem Denkmuster gefangen sein ohne es zu merken. Wiederrum ähnlich wie bei körperlicher Bewegung ist die Gewohnheit. Je öfter wir eine Art zu Denken bei einer Situation anwenden, desto mehr gewöhnen wir uns daran und desto schwerer fällt es, sich aus diesem Muster wieder zu lösen.

Das passiert z.B. wenn wir in einer Diskussion irgendwann etwas denken „ach, jetzt kommt das Argument wieder, das ist doch Blödsinn…“. Statt an diesem Punkt eine neue Sichtweise zu testen und das Argument ernst zu nehmen, fallen wir in das „altbewährte“ Muster zurück. Unser Denken und damit auch die Gesprächsführung verläuft dann nach „Schema F“.

Warum merkt man das meist nicht?

Zunächst ist es nicht einfach sich Gedanken über die eigene Denkweise zu machen. Man dreht sich schnell im Kreis. Außerdem bleiben ja die offensichtlichen Warnhinweise aus, die man irgendwann in Form von Schmerzen bei falschen Bewegungsmustern bekommt.

Es gibt aber andere Punkte, die auf festgefahrene Denkmuster hinweisen:

Unumstößliche Prinzipien oder Regeln

Prinzipien und Regeln helfen uns, uns gedanklich zu orientieren. Gerade dann wenn wir schnell Entscheidungen treffen müssen, können sie eine große Stütze sein. Aber sie sind auch eine große Gefahr. Nämlich dann, wenn wir aus ihnen Dogmen machen. Wir dürfen nie vergessen: Nicht die Regeln bestimmen uns, sondern wir bestimmen die Regeln (jedenfalls die, an denen wir unser Denken orientieren). Und nicht alle Regeln passen auf alle Situationen. Es schadet also nicht sie in einer ruhigen Minute (oder Stunde) einmal zu hinterfragen und ggf. anzupassen.

Diskussionen führen zu nichts

Das kennt sicher jeder: Man diskutiert, manchmal auch sehr hitzig, und am Ende steht keine Lösung, sondern Frust und die Erkenntnis, dass man mit dem anderen einfach nicht richtig reden kann. Das kann darauf hinweisen, dass wir selbst zu starr in unserem Denken sind. Vielleicht sind wir zu sehr auf das konzentriert, was wir selbst sagen wollen und vergessen dabei zuzuhören. Oder wir verstehen das Argument des anderen nicht oder er unseres nicht, aber statt nachzufragen überspringen wir in der Diskussion den Punkt (denn wir nehmen ja an, wir kennen die Antwort schon). Auch hier kann es helfen, zu überprüfen, was eigentlich wichtig ist. Wie denke ich über das Thema und WARUM denke ich so? Was will ich dem anderen sagen und was will der andere mir mit seinen Argumenten sagen? Verstehe ich ihn? Wenn nicht – nachfragen.

Bestätigungsfehler (engl. confirmation bias)

Wir denken etwas und bekommen einmal eine Information, die dieses Denken bestätigt und eine Information, die dieses Denken widerlegt. Die meisten Menschen neigen dazu, die Information, die ihr Denken bestätigt für wahr zu halten, auch wenn sie das nicht ist. „Klingt logisch“, ist oft, was man sich dann denkt. Keiner ist davor gefeit, mal eine Information für wahr zu halten, die es nicht ist. Gerade da im Internet viele Falschmeldungen verbreitet werden. Aber unser Denken können wir trainieren auf neue Informationen skeptisch zu reagieren, egal ob sie das, was wir bisher glauben stützen oder dem widersprechen. Das ist anstrengend (wie fast jedes Training) aber es lohnt sich. Die Fragen sind: „Warum klingt diese Information für mich logisch und warum die andere nicht? Was glaube ich und was sind die Fakten?“ Das Tolle am Internet ist, dass man Falschmeldungen schnell identifizieren kann.

Wer geistig beweglich sein und bleiben will, muss sich also geistig bewegen, klingt einfach – ist es leider nicht. Wie bei anderem Training auch, kann man klein anfangen. Z.B. wenn die Nachbarin den neuesten Tratsch erzählt oder die Tochter fragt warum sie vor dem Essen keine Süßigkeiten essen soll. Es schadet sicher nicht, sich dann einmal wirklich darauf einzulassen, das Gesagte zu hinterfragen oder die eigene Regel bis zum Ende zu denken. Je öfter man so denkt, desto leichter fällt es. Eine Sache sollte man jedoch noch beachten: Man kann es auch mit der Skepsis übertreiben, manchmal ist es besser etwas auf sich beruhen zu lassen – um der guten Laune willen 😉