Ich mag keine Seminare, außer…

29. Oktober 2019 6 Von Boris Biba

Worum geht es?

In diesem Artikel geht es um ein Seminar, das ich vor Kurzem besucht habe. Leider muss ich dabei ein wenig spoilern, versuche das aber auf ein Minimum zu beschränken. Bevor es um dieses Seminar geht, gehe ich kurz auf Seminare im Allgemeinen ein.

Seminare im Allgemeinen

Seminar, das ist laut Wikipedia “[…] eine Lern- und Lehrveranstaltung, die dazu dient, Wissen in kleinen Gruppen interaktiv zu erwerben oder zu vertiefen”. Und wenn man alle Seminararten mit einer gültigen Definition beschreiben will, kann man das gar nicht weiter einengen ohne eine bestimmte Art auszuschließen. Da gibt es die wissenschaftlichen Seminare an Universitäten. Da gibt es religiöse oder spirituelle Seminare. Es gibt Koch- und Ernährungsseminare. Fort- und Weiterbildungsseminare für so ziemlich jeden Beruf. Gesundheits- und Fittnessseminare. Führungs- und Teambuilding-Seminare Es gibt sogar Seminare für Haustiere bzw. deren Halter. Kurz: Es gibt für alles Seminare.

Wenn ich Seminar höre, denke ich meist an eine von zwei Arten: Einmal die Art bei der die Wissens- und Informationsvermittlung im Vordergrund steht, z.B. ein Fachseminar an einer Universität zu einem bestimmten Thema. Die andere Art an die ich denke sind Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung z.B. spirituelle Seminare in denen die Erleuchtung gesucht wird. Wer mich kennt der weiß schon, dass ich der zweiten Art eher skeptisch gegenüber stehe. Aber auch Führungs- und Team-Seminare, die irgendwo zwischen Wissensvermittlung und Persönlichkeitsentwicklung stehen, sehe ich eher skeptisch.

Warum? Diese Art nutzt psychologische Effekte, um den Menschen etwas aufzuzeigen. Ohne gezielte Manipulation funktionieren sie meist nicht. Das bedeutet nicht grundsätzlich, dass sie schlecht sind. In gewisser Weise will man sich schließlich als Teilnehmer manipulieren lassen, um dann hinterher einen Entwicklungsschritt in der Persönlichkeit zu machen. Ob ein Seminar also für einen bestimmten Teilnehmer gut oder schlecht ist, hängt massiv von den Inhalten ab. Aber auch von den Erwartungen und der grundsätzlichen Einstellung des Teilnehmers. Mich gruselt es gelegentlich, wenn eine Gruppe von Menschen euphorisch einer Sache zujubelt oder im Chor bestimmte Glaubenssätze runterbetet. Es gibt viele Menschen die das toll finden, das ist (meistens) okay. Zum Glück gibt ja eine große Auswahl von Seminaren und Veranstaltern die sich alle ein bisschen unterscheiden. Aber man sieht schon: Ich habe Vorbehalte.

Das Seminar

Nun hat mich ein guter Freund eingeladen dieses Seminar zu besuchen. Es war(ist?) ein Pilotprojekt und es handelte sich um ein Teamseminar. Also ein Seminar in dem man die eigenen Kompetenzen in einem Team herausfinden, ausprobieren und weiterentwickeln kann. Auf der Grundlage eines Geländespiels. Das klingt schon nach Persönlichkeitsentwicklung, oder? Und mein erster Gedanke war so… naja. Mein zweiter Gedanke war: “Hey, du hast sowas noch nie gemacht und deine Vorbehalte beruhen auf deinen Annahmen und auf Erzählungen.” Außerdem war ja mein Freund auch dort. Also habe ich die Einladung angenommen.

Insgesamt war das Seminar gut. Wir hatten super Wetter, das Essen war gut, die Teilnehmer (soweit ich das beurteilen kann) ausnahmslos freundlich und motiviert. Die Startvoraussetzungen waren also schon gut.

Bei dem Geländespiel ging es darum mit dem eigenen Team ein Produkt zu entwickeln und zu basteln, das ein bestimmtes Bedürfnis des Kunden erfüllt. Die Währung für Bastelmaterialien musste man sich mit bestimmten Aufgaben erspielen. Es gab also eine soziale Komponente (Teamarbeit), eine wirtschaftliche Komponente (Ressourcenplanung) und eine kreative Komponente (Produktplanung und Design). Nach jeder Spielphase gab es Reflektionsrunden und am Ende konnte jeder Teilnehmer, wenn er wollte, erklären was er aus dem Seminar gelernt hat.

Aus der Sicht eines vorurteilsbehafteten Persönlichkeits-Seminarmuffels war das Seminar sehr angenehm. Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich mir zwei Dinge schon vorgenommen hatte:

1. Ich lasse mich darauf ein, (fast) egal was da passiert (Humor hilft da).

2. Ich versuche keine Erwartungen zu haben (das ist bei den meisten Veranstaltungen ein guter Tipp).

Ja, ich höre jetzt auf Werbung zu machen 😉

Bei der Abschlussrunde habe ich mein Gelerntes in etwa so präsentiert:

Für die Produktentwicklung habe ich mitgenommen, dass Kunden oft nicht wissen was sie wollen (es war elementares Spielelement, dass der Kunde eben nicht genau sagt was er will).

Für Teamarbeit habe ich mitgenommen, dass gutes Essen die Moral und die Motivation hebt.

Für mich selbst habe ich mitgenommen, dass ich aus Nüssen, Wäscheklammern und Alufolie einen Astronauten bauen kann (zur Erinnerung – Humor hilft da).

Der letzte Punkt war natürlich nicht ernst gemeint und die beiden anderen sind weder große Erkenntnisse noch etwas Neues. Aber was habe ich dann mitgenommen? Abgesehen davon, dass ich vermute, dass mir solche Seminare nur Spaß machen, wenn dort freundliche Menschen sind und das Essen gut ist? Die Idee für den folgenden Text, danke dafür:

Bedürfnisse

Der “Kunde” im oben genannten Seminar hat den verschiedenen Teams bestimmte Bedürfnisse wie etwa “Schutz” oder “Bewunderung” mitgeteilt. Diese sollten von dem jeweiligen Produkt erfüllt werden.

Da die Vorgabe war, dass wir ein Produkt entwerfen sollen, wurden diese doch eher abstrakten Bedürfnisse schnell materiellen Dingen zugesprochen. Und meistens liegt man damit gar nicht so falsch. Viele unserer Bedürfnisse lassen sich durch matierelle Dinge erfüllen. Wer Hunger hat braucht Essen. Wer Schutz will lässt sich vielleicht eine Mauer bauen. Wer nach Bewunderung strebt, kauft sich vielleicht ein tolles Auto (kleiner Hinweis: Das funktioniert nur begrenzt gut). Das Schwierige bei der Aufgabenstellung war, ein Produkt zu finden, welches das Bedürfnis befriedigt ohne zu wissen, was der Kunde eigentlich will. Es gibt schließlich kein Produkt, das alle Bedürfnisse eines Menschen befriedigen kann.

Es gibt kein Produkt. Aber es gibt etwas anderes, das die Fähigkeit hat fast jedes Bedürfnis eines bzw. die Bedürfnisse vieler Menschen zu befriedigen.

Andere Menschen.

Menschen können ihren Mitmenschen so ziemlich alles bieten was sich diese wünschen. Menschen können einander schützen. Sie können einander bewundern. Sie können sich lieben, herausfordern, erfolgreich machen oder trösten. Sie können so ziemlich jedes Produkt herstellen, das jedes für sich, relativ perfekt, ein bestimmtes Bedürfnis befriedigt. Es geht nicht um Produkte. Es geht um Menschen und manchmal um Tiere und Pflanzen. Und wo geht es um Menschen? Überall, selbst da wo es eigentlich nicht um Menschen geht. Weil wir nunmal Menschen sind.

Auch das ist keine weltbewegende Erkenntnis

Das wusstet ihr schon. Aber so funktionieren Seminare auch nicht. Man geht nicht auf ein Seminar und wird erleuchtet (außer man ist sehr leicht beeinflussbar und besucht ein, in meinen Augen, zweifelhaftes Seminar). Man besucht nicht mit dem Team ein Seminar und danach gibt es keine Konflikte mehr. Natürlich kann man etwas lernen (oder sich an Gelerntes erinnern), aber damit ein Seminar etwas bringt, muss man es nachbereiten. Man muss die Ergebnisse festhalten und sie sich gelegentlich nochmal ankucken oder/und das Gelernte anwenden. So, wie bei jeder anderen Wissensvermittlung auch.

PS: Humor hilft.

PPS: Man kann Menschen auch als Produkt sehen, wenn man sie als “Produkt” ihrer Gene bzw. ihrer Umwelt sieht. In diesem Text ist mit “Produkt” ein unbelebtes materielles Objekt gemeint.